Hongkong (China): 2017


Studierendenvorstellung: Dilara Yildiz


Mein Name ist Dilara Yildiz, ich bin 24 Jahre alt und ich lebe ganz nach den Worten Goethes:

„Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.“

Derzeit befinde ich mich im achten Fachsemester meines Lehramt-an-Gymnasium-Studiums mit der Fächerkombination Deutsch und Biologie. Momentan bin ich dabei, meine wissenschaftliche Hausarbeit zu verfassen, um dann ein Auslandssemester in Slowenien zu absolvieren.

In diesem Beitrag möchte ich gerne von meinem vergangenen Auslandspraktikum in Hongkong berichten.

Im Rahmen der Schulpraktischen Studien I (SPS I) verbrachte ich meine sechs Wochen des Pflichtpraktikums an der Deutsch-Schweizerischen Internationalen Schule Hongkong.

 

(Stand Oktober 2018)

Aber warum Hongkong?


Grundlegend sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich vor meinem Auslandspraktikum in Hongkong (Jahr 2017) bereits ein Auslandssemester in der Türkei an der Ege University (Jahr 2016) absolvierte. Nach abenteuerreichen und wundervollen sechs Monaten in der Türkei kam in mir erneut der Wunsch auf, meinen persönlichen Horizont zu erweitern sowie meine englischen Sprachfähigkeiten zu stärken.

Nach der Rückkehr aus meinem Auslandssemester stillte ich meine Reiselust zunächst mit kürzeren Urlauben und Backpackertrips. Schnell stellte ich fest, dass ich aus der „Rolle des Touristen“ aussteigen und zumindest für eine kurze Zeit ein „Teil der Gesellschaft“ des jeweiligen Landes sein möchte. Folglich wollte ich insbesondere die Realisierung des deutschen Bildungssystems in Hongkong aus der Sicht des alltäglichen Lebens erkunden.
Aus diesem Grund entschied ich mich dafür, das Pflichtpraktikum der SPS I im Ausland zu absolvieren.

Ich bereiste zuvor Thailand, Singapur und Indonesien und entwickelte sehr schnell eine große Vorliebe für die südostasiatische Kultur, Küche und Tradition. Aus diesem Grund war meine Freude umso größer, als ich die Zusage aus Hongkong erhielt.

Vorbereitung: Das solltest du beachten!


Bevor ich mich mittels einer Initiativbewerbung an den anerkannten Auslandsschulen bewerben konnte, musste ich zunächst abklären, ob eine Anerkennung des Praktikums im Ausland gewährleistet ist. Nach einer Genehmigung des Zentrums für Lehrerbildung fing für mich die wohl stressigste Phase der Vorbereitungen an:

15 Initiativbewerbungen an anerkannten deutschen Auslandsschulen weltweit.

Die Bewerbung umfasste sowohl einen Lebenslauf als auch ein zweiseitiges Motivationsschreiben, in welchem ich meine Ziele und Wünsche formulierte. Je nach Auslandsschule variierten die Bedingungen für die Bewerbung, sodass zusätzlich ein Sprachnachweis oder ein Leistungsspiegel erforderlich war. Eines hatten alle Schulen dennoch gemeinsam: Ich verfasste alle Unterlagen ausschließlich auf Deutsch.

Nachdem ich mich also an den Auslandsschulen bewarb, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich eine einzige Zusage aus Hongkong bekam. Viele andere Schulen boten mir stattdessen an, ein dreimonatiges/sechsmonatiges Praktikum zu absolvieren, unter anderem in den USA, in Südafrika oder in Indien. Grund hierfür war meistens die zeitintensive Beantragung des Visums, sodass sechs Wochen zu kurz waren.

Eins schon einmal vorab: Es ist keine Seltenheit, wenn seitens der Schulen Absagen oder keine Antworten kommen. Meistens sind die Auslandsschulen auf der Suche nach ganz bestimmten Lehrerprofilen. Einfluss darauf haben unterschiedliche Faktoren wie zum Beispiel die Fächerkombination oder der Mangel an Lehrkräften an der jeweiligen Schule. Daher ein Tipp von mir: Keine Bewerbung ist zu viel!

Ich bekam von Hongkong relativ schnell eine Zusage, sodass ich nach dem Signieren des Vertrags die notwendigen Unterlagen für das Visum zusammentragen konnte. Anschließend dauerte es ein paar Konsulatsgänge in Frankfurt, um letztendlich das „Business Visa“ (50 Euro) zu beantragen. Weil die Beantragung mit vielen Dokumenten und Nachweisen einherging, stellte ich mir To-Do-Listen auf, die mir einen Überblick über das ganze Visumsverfahren ermöglichten.

Da ich mich sehr spontan dafür entschied, das Praktikum im Ausland zu absolvieren, kristallisierte sich die Bewerbungsphase und Visumsbeantragung als sehr stressig heraus. Aufgrund dessen empfehle ich jedem, die Bewerbungen mindestens ein halbes Jahr vor Praktikumsbeginn an die Auslandsschulen zu versenden. Somit steht einem genug Zeit zur Verfügung, um das DAAD-Stipendium zu beantragen, was ich aufgrund der Zeitnot nicht realisieren konnte.

Meine Erwartungen an das Praktikum


Ausschnitte aus meinem Motivationsschreiben

„Daher möchte ich die mir gegebene Gelegenheit wahrnehmen und das ehrenamtliche Praktikum erneut für die Stärkung meiner interkulturellen Kompetenzen an Ihrer Schule absolvieren. Mein SPS I strebe ich bei Ihnen an, um individuelle Erfahrungen und die Umsetzung des deutschen Bildungssystems außerhalb Deutschlands erkunden zu können.“

„Der Beruf des Lehrers/der Lehrerin erfordert nicht nur ein breites Spektrum an Kenntnissen in Bezug auf die Pädagogik. Meiner Meinung nach reicht es nicht aus, sich lediglich ein weit gefächertes Wissen basierend auf der Universitätsbildung anzueignen. Durch soziale und kulturelle sowie berufsorientierte Interaktionen mit Menschen aus aller Welt sehe ich einen großen Erfahrungsgewinn für das ganze Leben, sei es akademischer als auch privater Natur.“

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich gewisse Ziele sowie Vorstellungen mit der Absolvierung meines Praktikums angestrebt habe, jedoch bezüglich des Ziellandes erwartungsfrei war. Ich bin der Meinung, dass jeder/jede, der/die ein Auslandsaufenthalt anstrebt, offen sein sollte für all die Überraschungen und Abenteuer, die auf einen warten.

Wohnungssuche: Wo komme ich unter?


Hongkong ist teuer, sehr teuer!

Bei meinem Praktikum handelte es sich um ein 100% freiwilliges und nicht vergütetes Praktikum. Deswegen war es meine Aufgabe, sowohl meine Flüge als auch meine Unterkunft eigenständig zu finanzieren und zu organisieren. Ich stellte sehr spät fest, dass die Wohnungssuche in Hongkong nicht ganz so einfach von statten ging.

Da es sich lediglich um einen sechswöchigen Aufenthalt handelte, dachte ich mir, wäre ein Hostelzimmer, das ich mir mit zwei anderen Frauen teilen würde, ausreichend. Nein, das war es definitiv nicht! Mein Zimmer im Hostel war sehr klein, was in Hongkong die Regel ist.

Nach nur zwei Nächten im Hostel fing ich also aktiv an, nach einem Zimmer in einer Wohngemeinschaft zu suchen. Der Suchprozess war sehr schleppend und entmutigend. Verzweifelt war ich mehr als zehn Tage auf der Suche nach einem bezahlbaren Zimmer, denn eins ist in Hongkong besonders knapp: das Wohnungsangebot! Insbesondere Wohnungen auf der Inselseite waren besonders teuer und schwerer zu finden, als jene auf dem Festland. Da sich die Schule allerdings auf dem Peak auf der Inselseite befindet, war es für mich obligatorisch, in Causeway Bay (auf der Inselseite) zu leben. Letzten Endes bezahlte ich knappe 1000 Euro für ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft mit sieben Personen.

Die ersten Tage und Impressionen


Ausschnitte aus meinem Reisetagebuch

30-August-2017

„Ich dachte immer, die Welt wäre so groß und so unerreichbar. Jetzt realisiere ich, wie klein sie eigentlich ist. Wie einfach es ist, zu reisen und die Welt zu entdecken. Geld sparen, Flug buchen und Tschüss. Ich meine, ich werde von Amerika nach Hongkong über den pazifischen Ozean 13 Stunden fliegen, mit meinen 22 Jahren, wer hätte das gedacht?“

01-September-2017

„Wow. Ich bin in Hongkong. Die Halbinsel der Hochhäuser. Als ich den Flughafen verlassen habe, dachte ich, ich kippe um. So ein stickiges und heißes Wetter, fast so wie in Bangkok, aber weitaus nicht so schwül, obwohl 40 Grad angezeigt waren (auf dem Handy). Überall Menschen, viel zu viele Menschen und alle mit ihren Handys.“

07-Septemer-2017

„Langsam wird es. Ich verhungere nicht, das Wetter ist in Ordnung und ich komme trocken an der Schule an (keine Taifune mehr). Abgesehen davon habe ich bald eine Unterkunft und verstehe das Verkehrssystem. Die erste Schulwoche ist um und ich bin einfach nur glücklich. Die Schule hat eine sehr schöne Ausstattung, die Lehrkräfte sind super und ich habe schon bald meine erste eigene Stunde.“

Im Nachhinein kann ich sagen: Wer nicht schwitzen will, passt sich der Geschwindigkeit der Einheimischen an. Hongkong ist voll und überall sind Menschen. Ich war überwältigt, so viele Hochhäuser, Menschen und so viel Leben an so einem kleinen Ort. Es ist wie ein Labyrinth, es gibt immer was zu entdecken. Jede Rolltreppe führt zu einem unbekannten Ort und jeder unbekannte Ort hat neue Überraschungen. Die ersten Tage war ich regelrecht meiner Reizüberflutung ausgeliefert. Es dauerte sehr lange, bis ich verstand, wo die nächste Haltestelle der Metro war, wo ich am besten Lebensmittel kaufen konnte und wie ich den Weg wieder zurück nach Hause finde. Schließlich musste mich meine Mutter aus dem fernen Deutschland über das Handy nach Hause navigieren, weil in Hongkong, aufgrund der vielen Hochhäuser, Google Maps nicht funktionierte.

Mein alltägliches Leben


Das gesamte Praktikum umfasste in etwa 60 Schulstunden Anwesenheitspflicht. In der Schule war es mir freigestellt, meinen eigenen Stundenplan zu erstellen, um meine Pflichtstunden zu erfüllen. Demnach hatte ich vormittags das Praktikum, sodass ich meine Nachmittage damit verbrachte, die Kultur und Traditionen des Landes kennenzulernen. Ich ging also jeden Morgen um 06:00 Uhr aus dem Haus, nahm ein Taxi zur Schule, frühstückte dort, hospitierte im Unterricht und plante anschließend die bevorstehenden Unterrichtsstunden, die ich eigenständig durchführen wollte. Anschließend fuhr ich mit dem Bus wieder zu meiner Wohnung, legte meine Tasche ab und erkundete das Land. Die ersten Wochen verbrachte ich alleine, bis ich über eine Facebook-Gruppe eine Praktikantin fand, die meinen restlichen Aufenthalt in Hongkong verschönerte.

Hongkong hat eine Menge zu bieten. Von Hongkong aus lohnt sich auf alle Fälle ein Tagestrip nach Macau, auch genannt Vegas. Abgesehen davon ist es auch möglich, nach China zu fliegen oder aber die Freizeit auf der Halbinsel zu gestalten. Wer gerne wandert, freut sich über die unzähligen Wanderpfade und für die SportliebhaberInnen ist es möglich, Wassersport zu betreiben. Darüber hinaus gibt es eine Straße voller Kneipen und Bars als auch nahe gelegene kleine Inseln, die ein bisschen Ruhe vor dem alltäglichen Trubel bieten. Wer rosa Delfine gerne in der freien Wildnis beobachten möchte, macht das am besten auf einer der kleinen Inseln.

Ich garantiere, in Hongkong wird es nie langweilig!

Die Deutsch-Schweizerische Internationale Schule Hongkong


Bei der GSIS (German-Swiss International School) handelt es sich um eine private Auslandsschule. Die Schule lebt von den Geldern der Förderer. Sie ist sehr groß und befindet sich auf dem höchsten Punkt in Hongkong mit einer wunderschönen Aussicht auf das Festland. Die Schule gliedert sich in einen englischen und einen deutschen Zweig, wobei ich mich ausschließlich im deutschen Zweig befand. Dort wird nur auf Deutsch unterrichtet.

Das Lehrerzimmer bietet für jede Lehrperson einen eigenen großen Arbeitsplatz an. Die Küche der Lehrpersonen ist sehr groß und lädt mit der dazu gehörenden Couchlandschaft zum Entspannen ein. Alle Klassenräume sind mit Smartboards und Beamer ausgestattet, wobei alle Schülerinnen und Schüler mit Laptops oder Tablets an dem Unterrichtsgeschehen teilnehmen. Organisiert wird der Unterricht mit Google Classroom, daher sind alle Unterrichtsmaterialien online zugänglich für die Eltern der Schülerinnen und Schüler.

Am ersten Tag meines Praktikums wurde ich einer Mentorin zugeteilt, welche die gleiche Fächerkombination hatte. Mit ihr gemeinsam plante ich dann meinen Stundenplan und begleitete sie größtenteils in ihren Biologie- und Deutschstunden. Sie war daher auch meine erste Ansprechperson bei Fragen und Anregungen bezüglich der Hospitationsstunden.

Die Schulatmosphäre


Da es sich um eine Auslandsschule handelte, waren die Klassengrößen demnach sehr klein. Ich erinnere mich, in Klassen mit fünf Schülerinnen und Schülern hospitiert zu haben. Diese neue, mir zuvor unbekannte Atmosphäre eröffnete mir als zukünftige Lehrkraft neue Blickwinkel auf die Gestaltung des Unterrichts. Resultierend daraus war es möglich, auf jeden Schüler/jede Schülerin individuell einzugehen, Förderpläne zu erstellen und gezielt auf ihre Bedürfnisse und Stärken Rücksicht zu nehmen. Abgesehen davon realisierte ich auch, wie schwer es ist, eine Klasse zu unterrichten, in welcher die Sprachkompetenzen so unterschiedlich voneinander sind. Angefangen von Schülerinnen und Schülern mit Deutsch als Erstsprache, Deutsch als Zweitsprache bis hin zu Deutsch als Fremdsprache waren die Klassen bunt gemischt, sodass der Deutschunterricht sprachlichen Hürden ausgesetzt war. Die wohl gewinnbringendste Erkenntnis erzielte ich somit in dem Umgang mit sprachlichen Barrieren in der Schule.

Hongkong, ich liebe dich!


Wenn ich an meine Zeit in Hongkong zurückdenke, vermisse ich insbesondere das unendliche Freizeitangebot und das Gefühl, noch mehr über die Menschen, die Kultur, Tradition und Religion lernen zu wollen. Ich bin nach wie vor fasziniert von der Umsetzung des deutschen Bildungssystems im Ausland. Wie es ist, zu unterrichten, in einem Land, in welchem die Ressourcen schon fast unendlich sind, genau das habe ich kennengelernt.

Die Entfaltung aller Ideen und Vorstellungen an einer Schule, an welcher nahezu alle Möglichkeiten gegeben sind, haben mir neue Perspektiven für meinen zukünftigen Lehrerberuf eröffnet. Ich bin froh, dass ich die Erfahrung gemacht habe, zu sehen wie die Schülerinnen und Schüler aus Deutschland die gleiche Bildung im Ausland in Anspruch nehmen und inwiefern sie sprachlichen Barrieren unterlegen sind.

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Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft

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